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Erlebnis an einem Messestand

Montag, Juni 14th, 2010

Ich gebe zu, es ist sehr, sehr selten, aber letzte Woche habe ich es erlebt. Es war auf einer kleinen regionalen Messe in einer mittelgroßen Stadt. Der Messestand eines Branchenverbandes. Aufgebaut eine Sofaecke mit einem Tisch davor. Auf den Sofas saßen zwei ältere Herren und lasen Prospekte und Zeitschriften. Ich stand vor dieser Idylle und wollte gerne angesprochen werden. Je stärker der Appellcharakter meiner Haltung wurde, desto intensiver wurde die Lesekonzentration der beiden. Sofort schoss mir der Gedanke durch den Kopf: Die Gehälter des Standpersonals werden wahrscheinlich aus den Zwangsbeiträgen der Mitglieder finanziert. Ich hätte auch denken können: aha, ich bin eine Frau und dieser Verband hat eigentich nur Männer als Mitglieder, für mich machen die nicht einmal einen Augenaufschlag. Auf gleicher Ebene wäre der Gedanke gewesen: Die zeigen so deutlich, dass sie nicht gestört werden wollen – da wage ich gar nicht, die anzusprechen. Ich bin eingeschüchtert und gehe weiter.

Was unterscheidet diese Gedanken? Fangen wir mit den letzten beiden an. Sie spiegeln mein Selbstwertgefühl, das nicht sehr entwickelt ist. Ich beziehe die abweisende Haltung auf mich und lasse mich davon abschrecken. Keine kluge Idee, denn damit komme ich nicht an mein Ziel. Der erste Gedanke dagegen, dass die beiden ihren Job schlecht machen, ist von anderem Kaliber. Es ist eine Kritik, hinter der eine moralische Verurteilung steckt: Sie sollen ihre Mitglieder angemessen vertreten, dafür werden sie von ihnen bezahlt. Ich habe damit klare Wertmaßstäbe, die mit Vertragseinhaltung, mit Gerechtigkeit, mit Respekt gegenüber anderen zu tun haben. Diese Werte machen mich standfest (oder im Messezusammenhang “Stand-Fest”?). Für Einschüchterung kein Platz, ganz im Gegenteil! Ich höre mich sagen: “Sind die Herren im Laufe des Tages ansprechbar?” Klingt leicht distanziert, auch ein bisschen vorwurfsvoll, aber ich mache ein strahlendes Gesicht dabei und: bekomme mein Gespräch.

Und die Moral von der Geschicht’ : Bezieh’ es nicht auf Dich, sondern auf die mangelnden Fähigkeiten der Verursacher.